Siegfried – Drachentöter, Krieger und unsterbliche Legende
Siegfried – Drachentöter, Krieger und unsterbliche Legende
Ein Drache liegt tot im Staub. Sein Blut macht einen Mann nahezu unverwundbar. Ein gewaltiger Schatz fällt in seine Hände, Könige brauchen seine Stärke und selbst eine Frau von übermenschlicher Kraft wird mit seiner Hilfe bezwungen. Siegfried scheint für eine Welt geschaffen zu sein, in der gewöhnliche Männer nicht lange überleben. Doch selbst der stärkste Krieger trägt eine Stelle in sich, die verwundbar bleibt. Genau deshalb lebt seine Geschichte seit Jahrhunderten weiter.
Das Nibelungenlied, um das Jahr 1200 niedergeschrieben und auf wesentlich älteren mündlichen Überlieferungen aufgebaut, macht Siegfried zu einer der großen Gestalten der europäischen Heldensage. Die UNESCO zählt die erhaltenen Handschriften heute zum Weltdokumentenerbe.
Der Mann, der einen Drachen erschlug
Im Nibelungenlied kommt Siegfried als Königssohn aus Xanten nach Worms. Sein Ruf ist ihm längst vorausgeeilt. Er hat den Schatz der Nibelungen an sich gebracht. Er besitzt eine Tarnkappe, die ihm übermenschliche Möglichkeiten verleiht. Vor allem aber kennt man die Geschichte vom Drachen.
Siegfried erschlägt das Tier und badet anschließend in seinem Blut. Seine Haut wird dadurch hart wie Horn und für Waffen nahezu undurchdringlich. Doch während das Blut seinen Körper bedeckt, fällt ein Blatt zwischen seine Schulterblätter. Eine einzige kleine Stelle bleibt ungeschützt. Es ist das perfekte Bild für einen Helden: beinahe unbesiegbar, aber niemals vollkommen unangreifbar.
Worms braucht Siegfried
Siegfried zieht an den burgundischen Hof, weil er Kriemhild heiraten will. Doch bevor er sie bekommt, muss er seinen Wert beweisen. Und daran besteht wenig Zweifel. Er kämpft für die Burgunden gegen ihre Feinde und wird zu einem Mann, auf dessen Kraft König Gunther nicht mehr verzichten kann. Als Gunther die mächtige Brünhild heiraten will, braucht er erneut Siegfried.
Brünhild akzeptiert nur einen Mann, der sie im Wettkampf besiegt. Gunther ist ihr nicht gewachsen. Siegfried schon. Mit Hilfe der Tarnkappe unterstützt er Gunther unsichtbar und bricht Brünhilds Widerstand. Der Betrug bleibt zunächst verborgen, und Siegfried erhält schließlich Kriemhild zur Frau. Doch eine Ordnung, die auf Täuschung gebaut wurde, trägt ihren Bruch bereits in sich.
Der stärkste Mann fällt nicht im offenen Kampf
Später eskaliert der Streit zwischen Kriemhild und Brünhild. Die Wahrheit über Siegfrieds Rolle kommt ans Licht, Ehre wird verletzt und Hagen von Tronje entscheidet, dass Siegfried sterben muss. Im offenen Kampf wäre das keine einfache Aufgabe. Also braucht Hagen keine größere Stärke. Er braucht Wissen. Kriemhild verrät ihm in dem Glauben, ihren Mann schützen zu können, wo dessen einzige verwundbare Stelle liegt. Sie markiert sogar die Stelle auf Siegfrieds Kleidung.
Bei einem Jagdausflug wartet Hagen auf den richtigen Moment. Als Siegfried sich über eine Quelle beugt, trifft ihn der tödliche Stoß von hinten genau dort, wo einst das Blatt gelegen hatte. Der Drachentöter, den kaum eine Waffe verwunden konnte, fällt durch einen einzigen gezielten Angriff. Damit endet Siegfrieds Geschichte – aber das Nibelungenlied ist noch lange nicht vorbei. Sein Tod setzt Kriemhilds Rache in Gang und führt schließlich zum Untergang der Burgunden. Die gesamte zweite Hälfte des Epos wächst aus diesem einen Mord.
Warum Siegfried geblieben ist
Siegfried überlebt nicht deshalb seit Jahrhunderten in der europäischen Kultur, weil er einfach nur stark war. Starke Männer gibt es in fast jeder Heldensage. Siegfried steht für eine härtere Vorstellung: Ein Mann kann einen Drachen töten, Schätze gewinnen, Königen helfen und sich beinahe unverwundbar machen – und trotzdem an einer einzigen Schwäche fallen.
Die Sage macht daraus keine Geschichte über Vorsicht. Sie macht daraus eine Geschichte über Größe und ihren Preis. Siegfried sucht keine Sicherheit. Er zieht hinaus, kämpft, gewinnt, liebt und wird Teil von etwas, das weit größer wird als sein eigenes Leben. Genau deshalb wird sein Name noch erzählt, während die Namen unzähliger vorsichtiger Männer verschwunden sind. Unverwundbarkeit gibt es nicht. Entscheidend ist, was du mit deiner Stärke tust, solange du sie besitzt.