Ragnarök – wenn selbst die Götter fallen

Ragnarök – wenn selbst die Götter fallen

In der nordischen Mythologie ist Ragnarök weit mehr als irgendeine Schlacht zwischen Göttern und Monstern. Es ist der Moment, auf den viele der großen Geschichten überhaupt erst zulaufen. Odin kennt sein unausweichliches Schicksal. Thor kennt seinen Gegner. Die Einherjer in Walhalla bereiten sich auf diesen einen Tag vor. Die Götter kämpfen, obwohl sie wissen, dass sie verlieren werden.

Der lange Winter vor dem Ende

Die Prosa-Edda beschreibt vor Ragnarök den Fimbulwinter: drei gewaltige Winter ohne Sommer dazwischen. Gleichzeitig zerfällt die menschliche Ordnung. Krieg breitet sich aus und das alte Gefüge der Welt beginnt auseinanderzubrechen. Dann geraten selbst die Kräfte aus ihren Fesseln, die die Götter einst mit aller Macht gebunden hatten.

Der Fenriswolf bricht frei. Die Weltenschlange Jörmungandr windet sich durch das Meer und peitscht die Fluten auf. Das Totenschiff Naglfar löst sich, Loki zieht mit den Gegnern der Asen in den letzten Kampf und aus dem Süden kommt Surtr mit den Mächten Muspells. Vor ihm brennt Feuer, und selbst der Himmel scheint unter seinem Vormarsch aufzureißen. Jetzt gibt es keinen Rückweg mehr.

Odin reitet seinem Tod entgegen

Heimdall bläst das Gjallarhorn und ruft die Götter zur Schlacht. Odin sucht noch einmal Mímirs Weisheit auf. Danach wappnet sich Asgard für den Krieg. Der Überlieferung nach reitet Odin an der Spitze aus, mit Gungnir in der Hand. Hinter ihm ziehen die Götter und die gefallenen Krieger Walhallas auf das Schlachtfeld Vígríðr. Odin reitet keinem Sieg entgegen. Sein Gegner ist der Fenriswolf.

Eben jener, den die Götter aus Angst vor der Zukunft fesselten. Im Kampf verschlingt Fenrir den Allvater. Einer der mächtigsten Götter der nordischen Welt fällt nicht irgendwo fernab des Geschehens – er wird mitten in der letzten Schlacht von dem Wesen getötet, dessen Schicksal er längst kannte. Danach tritt Odins Sohn Víðarr gegen den Wolf an und rächt seinen Vater.

Wissen schützt nicht vor dem Schicksal. Odin sucht sein Leben lang nach Erkenntnis. Er opfert ein Teil seines Augenlichts für Wissen, fragt nach dem Kommenden und kennt die Prophezeiung. Trotzdem kann selbst er das Ende nicht abwenden. Er kann nur entscheiden, wie er ihm begegnet.

Thor gegen Jörmungandr – der Kampf, auf den alles zulief

Während Odin Fenrir gegenübersteht, trifft Thor auf seinen alten Feind. Jörmungandr und der Donnergott sind in der nordischen Überlieferung mehrfach miteinander verbunden. Bei Ragnarök endet ihre Feindschaft endgültig. Thor erschlägt die Midgardschlange. Für einen Augenblick scheint es, als hätte er gewonnen. Dann geht er neun Schritte und fällt. Das Gift Jörmungandrs tötet selbst den stärksten Kämpfer Asgards.

Thor rettet sich nicht. Er sucht keinen anderen Weg, als den Gegner, der vor ihm steht. Er erfüllt seine Aufgabe und bezahlt dafür den höchsten Preis. Der Sieg und der Tod liegen nur neun Schritte auseinander.

Am Ende brennt die Welt

Auch an anderen Stellen fordert der Ragnarök seinen Preis. Freyr kämpft gegen Surtr und fällt. Heimdall und Loki töten einander. Schließlich schleudert Surtr sein Feuer über die Erde. Die alte Welt verbrennt und versinkt im Meer. Das, was vorher unerschütterlich erschien – Götter, Reiche, Ordnung –, ist verschwunden. Würde Ragnarök hier enden, wäre es eine Geschichte über Niederlage. Doch genau hier dreht sich das Geschehen.

Nach Ragnarök wächst wieder Gras

Aus dem Meer erhebt sich erneut Land. Grün, fruchtbar und erneuert. Nicht alle Götter sind verschwunden. Víðarr und Váli überleben. Thors Söhne Móði und Magni kehren mit Mjölnir zurück. Baldr und Höðr kommen aus Hel. Auch die Menschen Líf und Lífþrasir überstehen die Zerstörung und werden zu den Ahnen einer neuen Menschheit. Ragnarök bedeutet deshalb nicht einfach den Weltuntergang. Vielmehr liegt die Bedeutung darin, dass selbst die größte Ordnung enden kann – und dass aus ihrem Ende etwas Neues entsteht.

Die nordischen Götter sind gerade deshalb außergewöhnlich, weil sie nicht unverwundbar sind. Sie wissen, dass ihre Hallen fallen können. Sie kennen ihre Feinde. Manche kennen sogar die Art ihres eigenen Todes. Und trotzdem kämpfen sie.

Darin liegt die Lektion dieser Geschichte. Du wirst nicht jede Schlacht gewinnen. Manche Dinge kannst du nicht kontrollieren. Zeit, Verlust, Niederlagen und Veränderungen lassen sich nicht dauerhaft festketten. Irgendwann kommt der Moment, in dem Ausweichen nichts mehr bringt. An dieser Stelle musst du für dich und deine Ziele einstehen. Vielleicht ist genau das Ragnarök: nicht die Geschichte darüber, wie die Götter sterben – sondern darüber, warum sie kämpfen, obwohl sie wissen, dass selbst Götter fallen können.