Die neun Welten – Das Reich der Götter, Riesen und Toten
Die neun Welten – Das Reich der Götter, Riesen und Toten
Über Midgard spannt sich kein leerer Himmel. Unter den Füßen der Menschen wartet nicht einfach nur Erde. Für die alten Nordmänner war die Welt Teil eines gewaltigen Geflechts aus Göttern, Riesen, Toten, Feuer und Eis. Im Zentrum dieses Kosmos steht Yggdrasil, die Weltenesche, deren Äste und Wurzeln weit über das Reich der Menschen hinausreichen.
Schon die Völuspá spricht von neun Welten und einem mächtigen Baum, dessen Wurzeln tief in die Schöpfung greifen. Eine einzige, vollkommen eindeutige Liste aller neun Reiche liefern die erhaltenen Quellen allerdings nicht. Was wir heute als die neun Welten der nordischen Mythologie kennen, entsteht aus verschiedenen Passagen der Eddas und späterer Einordnung.
Asgard und Midgard – Götter über den Menschen
Asgard ist das Reich der Asen: Odin, Thor, Tyr und vieler anderer Götter. Hier liegen ihre Hallen, hier steht auch Walhalla, wo Odin einen Teil der gefallenen Krieger für den letzten Krieg sammelt. Asgard ist jedoch keine friedliche Version des Himmels. Selbst seine Götter kennen Feinde, Verrat und das unausweichliche Ende durch Ragnarök.
Unter Asgard liegt Midgard, die Welt der Menschen. Der Name bedeutet sinngemäß „mittlere Einfriedung“. Sie ist das Reich zwischen den Mächten, geschützt und zugleich ständig von ihnen bedroht. Im Meer um Midgard liegt Jörmungandr, so gewaltig, dass die Schlange der Überlieferung nach die Menschenwelt vollständig umspannt.
Wo Riesen, Wanen und Lichtalben herrschen
Jenseits der menschlichen Ordnung liegt Jötunheim, die Heimat der Jötnar. Die Riesen sind nicht einfach stumpfe Monster. Sie gehören zu den ältesten Mächten der nordischen Mythologie, tragen Wissen in sich und stehen dennoch immer wieder im Konflikt mit den Göttern. Selbst Odin besitzt riesische Vorfahren, während Thor immer wieder nach Jötunheim zieht, um dort seine Feinde mit Mjölnir zu erschlagen.
Vanaheim gehört den Wanen, einem zweiten Göttergeschlecht neben den Asen. Zu ihnen zählen Njörd, Freyr und Freyja. Nach einem Krieg zwischen Asen und Wanen kommt es schließlich zum Frieden und zum Austausch von Geiseln. Selbst unter Göttern entstand Ordnung also nicht ohne Blut.
Alfheim wird mit den Lichtalben verbunden. In der Grímnismál wird das Reich Freyr zugesprochen. Viel mehr erzählen die alten Quellen über diesen Ort nicht – ein gutes Beispiel dafür, wie viel später ausgeschmückt wurde, was in den ursprünglichen Überlieferungen nur in wenigen Zeilen erscheint.
Feuer, Eis und die Reiche unter der Erde
An den Grenzen der Schöpfung stehen zwei Urgewalten. Muspelheim ist das Reich des Feuers. Von dort kommt Surtr, der beim Ragnarök mit seinem brennenden Schwert gegen die Götter zieht und die alte Welt in Flammen hüllt.
Niflheim dagegen ist von Nebel, Kälte und Finsternis geprägt. Feuer und Eis stehen bereits am Anfang der nordischen Schöpfung gegeneinander. Zwischen ihren Kräften entsteht im Ginnungagap das erste Leben.
Unter der Erde liegt außerdem das Reich der Zwerge, das häufig als Nidavellir oder Svartalfheim bezeichnet wird. Die Überlieferungen sind hier nicht völlig eindeutig. Doch die Zwerge selbst spielen eine gewaltige Rolle: In ihren Schmieden entstehen Waffen und Schätze der Götter, darunter einige der mächtigsten Gegenstände der gesamten nordischen Mythologie.
Und dann gibt es Hel – das Reich der Toten und zugleich der Name seiner Herrscherin. Dorthin gelangen in Snorris Überlieferung vor allem jene, die an Krankheit oder Alter sterben. Hel ist damit nicht einfach als die christliche Hölle unter anderem Namen zu verstehen. Der nordische Tod kennt verschiedene Wege, und Walhalla ist nur einer davon.
Eine Welt, die nur gemeinsam bestehen kann
Die neun Welten sind keine sauber übereinandergestapelten Ebenen wie auf einer modernen Landkarte. Die alten Texte lassen vieles offen. Sicher ist vor allem das Bild eines Kosmos, in dem alles miteinander verbunden ist: Götter brauchen Zwerge, Menschen leben unter dem Schatten göttlicher Kriege, Riesen sind Feinde und Verwandte zugleich, und selbst Yggdrasil wird unaufhörlich von Kräften angegriffen, die an seinen Wurzeln zehren.
Darin liegt vielleicht die eigentliche Stärke dieses Weltbildes. Die nordische Mythologie verspricht keine vollkommen geordnete Welt. Sie erzählt von einer Ordnung, die jeden Tag gegen Chaos, Zerfall und Schicksal bestehen muss.
Stärke bedeutet nicht, außerhalb dieses Geflechts zu stehen. Stärke bedeutet, seinen Platz darin zu behaupten.