Harald Hardrada – Der letzte große Wikingerkönig

Harald Hardrada – Der letzte große Wikingerkönig

Bevor Harald Hardrada König wurde, hatte er bereits mehr von der Welt gesehen als die meisten Männer seiner Zeit je sehen würden. Er hatte eine verlorene Schlacht überlebt, war ins Exil gegangen, hatte im Osten gekämpft, dem byzantinischen Kaiser gedient und sich mit Krieg ein Vermögen aufgebaut. Andere Männer wären damit nach Hause gekommen und hätten sich zur Ruhe gesetzt. Harald kam zurück, um König zu werden.

Sein Leben wirkt wie der letzte gewaltige Ausbruch einer Epoche, die bereits ihrem Ende entgegenging. Als Harald 1066 bei Stamford Bridge fiel, starb nicht nur ein norwegischer König. Sein Tod gilt bis heute häufig als symbolischer Schlusspunkt der Wikingerzeit.

Vom verlorenen Schlachtfeld bis nach Konstantinopel

Harald Sigurdsson war noch jung, als er 1030 an der Seite seines Halbbruders Olaf Haraldsson in der Schlacht von Stiklestad kämpfte. Olaf fiel, Harald musste fliehen. Damit hätte seine Geschichte enden können. Stattdessen führte sein Weg zunächst in die Kiewer Rus und schließlich nach Konstantinopel, dem Zentrum des Byzantinischen Reiches. Dort schloss er sich der berühmten Warägergarde an – einer Eliteeinheit aus vor allem nordischen Kriegern, die dem Kaiser diente.

Harald war kein Mann, der lange im zweiten Glied blieb. Seine königliche Abstammung und seine Kriegserfahrung verschafften ihm schnell Einfluss. Norwegische Quellen schreiben ihm jahrelange Kämpfe im Mittelmeerraum zu; Store norske leksikon nennt Überlieferungen von 18 Schlachten während rund sieben Jahren im byzantinischen Dienst.

Er kehrte allerdings nicht nur mit Geschichten nach Norden zurück. Er kehrte mit Silber zurück. Und zwar genug davon, um daraus politische Macht zu machen.

Harald wollte die Krone – und bekam sie

1046 kehrte Harald nach Norwegen zurück. Dort regierte sein Neffe Magnus der Gute. Harald erhob Anspruch auf die Königswürde und verfügte nun über etwas, das in dieser Zeit verdammt überzeugend sein konnte: Abstammung, Kampferfahrung, Gefolgsleute und Geld. Am Ende kam es zur Teilung der Herrschaft. Nach Magnus’ Tod im folgenden Jahr war Harald alleiniger König von Norwegen. Sein Beiname Hardrada beziehungsweise Hardråde lässt sich sinngemäß als der „hart Herrschende“ oder „harte Ratgeber“ verstehen. Er passt zu einem König, dessen Herrschaft stark vom militärischen Denken geprägt war. Harald festigte die königliche Macht und trug wesentlich dazu bei, Norwegen als eigenständiges Reich zu konsolidieren. Die späteren norwegischen Könige bis ins späte 14. Jahrhundert stammten von ihm ab. Harald hatte erreicht, wofür andere Männer ein ganzes Leben gebraucht hätten. Aber genug war ihm das nicht.

Ein König blickt nach England

Jahrelang kämpfte Harald auch um Einfluss in Dänemark. 1064 endete dieser Konflikt ohne die dänische Krone. Zwei Jahre später öffnete sich allerdings eine noch größere Tür. Der englische König Eduard der Bekenner starb Anfang 1066 ohne eindeutigen Nachfolger. Harald Godwinson ließ sich zum König krönen, doch gleich mehrere Männer beanspruchten England für sich. Einer davon war Wilhelm von der Normandie.

Der andere kam aus Norwegen. Harald Hardrada sah einen Anspruch auf den englischen Thron und verbündete sich mit Tostig Godwinson, dem verbannten Bruder des englischen Königs. Mit einer großen Flotte setzte er nach England über. Am 20. September 1066 schlugen Haralds Truppen ein englisches Heer bei Fulford und nahmen anschließend York unter ihre Kontrolle. Für einen kurzen Moment sah es aus, als könnte der alte Wikingertraum noch einmal Wirklichkeit werden. England lag vor ihm.

Stamford Bridge – der letzte Marsch

Harald Godwinson reagierte mit einer Geschwindigkeit, mit der die Norweger offenbar nicht gerechnet hatten. Sein Heer marschierte aus dem Süden nach Norden und traf Harald Hardrada am 25. September 1066 bei Stamford Bridge. Dort endete der Feldzug.

Die Norweger wurden geschlagen, Tostig fiel und Harald Hardrada wurde getötet. Die Überlieferung verbindet seinen Tod mit einem Pfeiltreffer in den Hals, wobei die genaue Ausgestaltung der Szene vor allem aus späteren Sagaerzählungen stammt. Sicher ist: Harald fiel auf dem Schlachtfeld. Nur wenige Tage später landete Wilhelm von der Normandie in England. Im Oktober besiegte er Harald Godwinson bei Hastings und wurde zum englischen König. Europa änderte sich innerhalb weniger Wochen.

Für die nordische Welt aber hatte Stamford Bridge eine eigene Bedeutung. Haralds gescheiterte Invasion gilt häufig als der letzte große Wikingerzug nach England und sein Tod als das Ende einer Epoche.

Ein Mann, der nie klein dachte

Harald Hardrada war kein König, der sein Reich verwaltete und zufrieden auf das blickte, was er bereits besaß. Mit etwa fünfzehn Jahren kämpfte er bei Stiklestad. Danach führte ihn sein Weg durch Osteuropa bis nach Konstantinopel. Er kämpfte für einen Kaiser, kehrte reich zurück, gewann die norwegische Krone und zog schließlich im hohen Mittelalter noch einmal mit einer Flotte über die Nordsee, um England zu erobern.

Er gewann zwar seinen letzten Kampf nicht, aber er trat ihn an. Darin liegt die Kraft seiner Geschichte. Nicht jede große Ambition endet mit einem Sieg. Wer allerdings sein gesamtes Leben damit verbringt, nur das zu verlangen, was sicher erreichbar ist, wird niemals erfahren, wo seine tatsächliche Grenze liegt.